Zwang

Zwänge auflösen

Zwänge (Psychologie) sind wie erstarrte Wünsche und Anliegen

Zwang – was ist das eigentlich?

Viele verwenden den Begriff Zwang im Zusammenhang mit Verhaltensweisen oder Denkweisen. Auf dieser Seite können Sie sich den Begriff Zwang genauer ansehen – und recht schnell selbst erkennen, was es mit diesem antiquierten Begriff aus den Anfangszeiten der Psychologie auf sich hat:

Zwang – eine Begriffsklärung

Synonyme und Komposita (zusammengesetzte Wörter) im Zusammenhang mit Zwang:

  • Nötigung
  • Repression
  • Diktat
  • Psychoterror
  • Bedrängung
  • Zwangsmaßnahme, Zwangsgeld, Zwangshaft (Steuerecht, Gerichte)
  • Verwaltungszwang
  • Zwangsfixierung (Psychiatrie)
  • Sanktion
  • Repressalie
  • Druckmittel
  • Machtmittel
  • Zwangsbindung
  • Sachzwang
  • Kandare
  • Zügel
  • Sklaverei
  • Konsumzwang
  • Verzehrzwang
  • Zwangsarbeit
  • Knechtschaft
  • Joch

Die Sprache verrät es schon – ein Zwang ist nicht ein Zwang

Mit dem Zwang, von dem Psychologen und Psychotherapeuten oft reden, haben die oben genannten Zwänge nichts zu tun. Die Zwänge aus der Liste beschreiben allesamt das Einwirken von meist physischer Kraft bzw. Gewalt.

Aber Moment mal.

Wo tauchen bei der sogenannten Zwanghaften Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.5 oder Anankastischen Persönlichkeitsstörung) überhaupt Gewalt und Unterdrückung auf?

Richtig. Nirgends.

Ein Zwang ist also nicht ein Zwang. Was ist das, was Menschen als zwanghaft oder wie unter Zwang erleben, wirklich?

Das, was als anankastisch definierte Personen erleben, ist ein Gefühl, als ob sie unter Zwängen stünden – aber eben nur als ob.

Und warum ist es für viele so schwer, sich davon zu befreien bzw. davon abzulassen?

Es hat viel mit der Wirkung von Worten zu tun. Wenn jemand einen Arzt oder Psychologen über sich sagen hört „Das ist eine sehr hartnäckige Störung. Wahrscheinlich werden Sie so schnell nicht davon loskommen. Ich verschreibe Ihnen ein Medikament gegen die Gedanken“ – was wird der Mensch wohl über sich denken?

Wird jemand, dem man sagt, er sei gestört, viel Hoffnung entwickeln, dass es ihm in Kürze von alleine wieder besser gehen wird?

Das ist wenig wahrscheinlich. So lange er sich davon überzeugen lässt, da wäre ein Zwang, gegen den er auch mit noch so viel Kraft kaum erfolgreich ankommen kann.

Einschlägige Bücher verstärken oft die negative Wirkung. Es reicht, sich die Titel der Bücher durchzulesen:

  • „Dem Zwang die rote Karte zeigen“ – das Buch wird nicht zufällig von der DGZ und der SGZ empfohlen. Unglücklicherweise wird hier sogar noch betont (Zitat): „Dieses Buch hilft gegen Monster: Es ist der erste kindgerechte Ratgeber für junge Menschen mit Zwangserkrankungen (engl. Obsessive Compulsive Disorder bzw. OCD).” Es wird also Kindern und ihren Eltern eingeredet, es wären Monster im Spiel. Selbst bei größtem Wohlwollen bleibt einem nur die Annahme, die Autorinnen wüssten es wirklich nicht besser. Es sind Verhaltenstherapeutinnen. In der Welt der Verhaltenstherapie werden viele seit Jahrzehnten gut erforschte Tatsachen zum Gehirn einfach ausgeblendet. Weil diese nicht ins Konzept passen.
  • „Wenn Zwänge das Leben einengen“
  • „Der Kobold im Kopf“

Solche Bücher verkaufen sich deshalb gut, weil sie den unsinnigen Gedanken verstärken, im Kopf, in der Seele oder wo auch immer wäre etwas Personenartiges (Monster, wilde Tiere u. ä.), das auf einen Menschen Druck ausübt. Das Buch als angebliches Hilfsmittel, das das Dilemma mit den Zwangsstörungen leider nur noch verstärkt.

Personifizierung von „zwanghaft“ und Aufbau von Ich-Es-Illusionen

Klientinnen und Klienten suchen das Supervisionszentrum in Frankfurt auf, nachdem sie z. B. in einer Verhaltenstherapie nicht nur keine Verbesserung, sondern eher eine Verschlechterung erlebt haben. Menschen, die in der Therapie für einen langen Zeitraum keine Fortschritte machen, leiden darunter. Die Idee, eine krankhafte Störung zu haben, kann ein kaum erträgliches Maß an Ungeduld und Niedergeschlagenheit hervorrufen. Manche gehen zum Arzt und hoffen, eine Medizin (Antidepressiva) würde ihre Probleme lösen. So versuchen sie, durch Antidepressiva ihre vermeintlichen Symptome und Krankheitsbilder zu beseitigen.

So gut wie immer ist dabei ein negatives Selbstbild im Spiel, oft auch in Verbindung mit Scham. Die Familie versucht zu helfen, Freunde kommen mit Ratschlägen – aber viele gehen über einen längeren Zeitraum wenig aus dem Haus.

Solche negativen Erfahrungen verwundern nicht.

Es gibt aber eine gute Nachricht – bzw. viele gute Nachrichten:

Die positiven Entwicklungen lassen in der Regel nicht lange auf sich warten, sobald die Klienten die Haltung zu sich selbst verändern, sobald sie sich gut behandeln.

Veränderung durch Umbenennung und Neubewertung

Klienten, die aus einer „gegen den Zwang ankämpfenden Verhaltenstherapie“ aussteigen, haben mit einem Mal wieder die Wahl. Sie können sich für neue Beschreibungen von sich und damit für neue Erlebniswelten entscheiden.

Lesen Sie jetzt noch einmal oben die Liste mit den Beschreibungen, die zum Wort Zwang in der Welt sind.

Wie wirken diese Beschreibungen? Allesamt nicht friedfertig, nicht gelassen usw.

Umbenennen. Denn andere Beschreibungen wirken anders

Lesen Sie sich mal die folgenden Beschreibungen durch. Sie alle handeln von Phänomenen, mit denen sich auch sogenannte Zwangsstörungen beschreiben lassen. Sie können in jedem der folgenden Sätze mindestens einen Hinweis auf das finden, was sonst als Zwangsstörung fehlinterpretiert wird:

  • Mein intensives Ordnungsstreben
  • Meine heiße Sehnsucht nach Sauberkeit und Gesundheit
  • Mein unbedingter Wille, am liebsten immer alles im Blick zu haben
  • Mein Wunsch, mehr Angelegenheiten in meinem Leben endlich beeinflussen zu dürfen
  • Mein die ganze Welt umfassender Wunsch, alle retten zu können
  • Meine Befürchtung, es könnte sich jemand wehtun
  • Mein Anliegen, meine eigenen Gedanken zu denken
  • Mein Wunsch, Energie zu haben und mein Leben zu bestimmen
  • Meine Vorstellung davon, wie schön es wäre, ein Leben ohne Fehler leben zu können

Wie wirken diese anderen Beschreibungen?

Lesen Sie hier etwas Bedrohliches? Etwas mit Gewalt oder Druck?

Es wird kaum möglich sein, sich angesichts der Begriffe in der zweiten Aufzählung Sorgen zu machen. All das sind Begriffe, die auf die sogenannten Zwangsstörungen passen.

Der große Unterschied zu den Beschreibungen, die in der Psychotherapie verwendet werden, wo von Zwang, von Störung und den vielen Alternativen zu dem Begriff (Druck, Depression (lat. deprimere, niederdrücken) die Rede ist:

Für Anliegen kann man immer arbeiten – gegen das eigene Innenleben aber niemals

Alltag im Supervisionszentrum: Klienten, die ihre vermeintlichen Zwangsgedanken, Zwangshandlungen oder Zwangsideen in berechtigte Anliegen übersetzt haben, beginnen Freundschaft mit sich und Geduld mit sich zu entwickeln.

Das Blatt wendet sich schnell, weil die Klienten selbst es sind, die sich von der unlösbaren Aufgabe erlösen, gegen ihre starken und eindrucksvollen Gedanken anzukämpfen.

Es ist viel Erleichterung zu spüren, sobald Menschen, die oft schon jahrelang mit viel Macht (oder eher Ohnmacht), Therapiesitzungen und Tabletten gegen etwas in sich gekämpft hatten, sich mit einem Mal für sich und die Anliegen hinter dem, was als Zwang fehlinterpretiert wird, einsetzen können:

  • angemessen
  • mit ihren eigenen Mitteln und Kompetenzen
  • nachvollziehbar
  • freundlich
  • milde
  • und: wirksam (selbstwirksam)

Es kann natürlich noch „Ehrenrunden im alten Muster“ (Zitat Dr. Gunther Schmidt, Heidelberg) geben, und das vereinbaren wir auch ausdrücklich.

Nach und nach aufgelöst werden auf diesem Weg alle Kampfmethaphern wie „Ich muss gegen XY ankämpfen“ oder „gegen XY gewinnen“.

Kampfmethaphern, „Kobold im Kopf“, „Rote Karte gegen Monster“ und ähnliche angsteinflößende Umschreibungen sind unheilvoller Unsinn.

So. Haben Sie Lust auf einen etwas anderen Selbsttest zum Thema Zwänge? Passt gerade gut zum Thema dieser Seite. Und könnte Ihre Meinung über sich selbst positiv verändern helfen.

Fazit – was ist ein Zwang? Und wie steigen Sie aus?

Viele Menschen sind online auf der Suche nach den Ursachen für einen vermeintlichen Kontrollzwang oder Handlungen, die sie für Zwangshandlungen halten.

  • Sie meinen, weil sie sich z. B. häufig waschen, würde schon deshalb eine Zwangsstörung vorliegen.
  • Die Betroffenen haben Angst, sie könnten ihren „Zwang“ nicht kontrollieren und suchen somit Hilfe bei Therapeuten.
  • Patienten, die von Therapeuten in der Behandlung den Auftrag bekommen, sie sollten ihre Handlungen oder Gedanken kontrollieren, berichten von Schwierigkeiten „erfolgreich“ gegen sich vorzugehen.
  • Das wiederum verstärkt die Angst der Betroffenen, ihre Impulse, Gedanken usw. nicht kontrollieren zu können. Ein Teufelskreis – aus dem man aber zum Glück gut aussteigen kann :)

Wer sich ein bisschen mit dem Gehirn befasst hat, wundert sich nicht, zu hören, dass Therapeuten mit solchen Behandlungen auf wenig Resonanz bei den Klienten stoßen.

Tatsächlich kann sich manches im Leben so anfühlen, also ob da etwas wäre wie ein Zwang. Ein solches Gefühl oder ein entsprechender Eindruck ist aber lediglich das Produkt von Beschreibungen und ihren Wirkungen. Das können Sie jederzeit an vielen anderen Beispielen im Alltag überprüfen. Und Sie werden es bestätigt sehen. Der erste Schritt, um aus einem „Zwang“ auszusteigen, ist die Umbenennung.